Archiv fürAugust 29, 2008

Dürfen Eltern alles?

Ich stellte mir die Frage, während ich gestern im Fernsehen eine Dokusoap rein zog, die eine allein erziehende Mutter mit ihrem 12jährigen Sohn zeigte.

OK- Dokusoap ist nicht gleich Dokumentation, aber dieses Reality-TV hat doch zumindest den Anspruch Tatsachen zu zeigen und nicht Fiktion. Deswegen gehe ich von der traurigen Tatsache aus, dass diese Mutter tatsächlich alleiniges Recht hat für ihren Sohn zu entscheiden.

Nein, sie hat ihn nicht geschlagen oder vernachlässigt, oder was sonst so in unserer Gesellschaft als Misshandlung gilt. Sie hat ihn gefördert.

Oder gefordert.

Klingt jetzt erst mal nach guter Erziehung. Aber es wird wohl jedem bewusst sein, dass es möglich ist Kinder zu ÜBERFORDERN.

Und genau das war hier geschehen. Auf eine Weise, die meiner Meinung nach bereits Missbrauch genannt werden muss.

Der Junge sollte Musicalstar werden.

Zu diesem Zweck bekam er Gesangsunterricht, Ballettstunden, Turntraining, Rollkunstlaufübungen und und und.

Jeweils dreimal die Woche und abends zu Hause musste er seine Show fürs Musicalcasting im Wohnzimmer vorführen.

Es könnte in Ordnung sein, wenn der Junge Spaß daran gehabt hätte, oder wenn er selbst dieses hohe Ziel gehabt hätte.

Aber das Gegenteil war der Fall.

Beim Ballett hat er sich regelrecht geschämt, als einziger Junge in der Klasse. Auf den Rollkunstlauf hatte er keine Lust, weil er nach einer anstrengenden Woche einfach nur müde war. Doch seine Mutter kannte keine Gnade. Schleppte ihn von einem Termin zum nächsten. Ließ ihm weder Zeit für Freunde, noch für seine eigentlichen Interessen.

Jeder der vielen Trainer sagte ihr, das Kind sei überfordert, sie solle ihm eine normale Kindheit ermöglichen, doch ihre Reaktion war:

„Ich lass mir doch nicht von jedem Dahergelaufenen sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe. Noch bin ich nicht entmündigt!“

Diese Reaktion hat mich schockiert.

Sie sprach nicht einmal davon, dass sie das beste für ihr Kind erreichen wolle, sie sagte einfach nur, dass es doch in ihrer Freiheit bestünde ihr Kind abzutreiben.

Sie fühlte sich bloß in ihrer Ehre verletzt, als andere ihr Erziehungsratschläge gaben. Es ging nicht einmal darum zu ergründen ob die Ratschläge gut oder schlecht waren.

Sie kamen von anderen Menschen, und damit lag es allein in ihrer Freiheit die Ratschläge in den Wind u schießen. Ungeachtet dessen, was für das Kind besser wäre. Ungeachtet dessen ob die Leute das Kind kannten.

Und als Sporttrainer, der einen Jungen dreimal die Woche sieht, lernt man ein Kind gut genug kennen, um den Eltern einen Rat geben zu können.

Sind Eltern wirklich allein für ihre Kinder verantwortlich. Und haben sie wirklich das alleinige Recht ihre Kinder zu verkorksen? Bei Vernachlässigung und Gewalt sind wir uns alle einig, dass das Recht der Eltern nicht grenzenlos ist, und vor allem nie über das Recht der Kinder gestellt werden darf.

Aber Einmischung von dritten ist immer noch verpönt. Wenn das Jugendamt sich mal in einer Entscheidung irrt und etwa zu früh die Alarmglocken läutet und sich einmischt, dann ist das Geschrei in den Medien anschließend wieder groß. Einmischung in die Privatsphäre, Überschreitung der Kompetenzen, Überwachungsstaat. Ungerechtigkeit.

Wenn aber dann ein Hilfsversuch scheitert, und ein Kind stirbt, fragen alle, wo denn das Jugendamt war, warum denn niemand geholfen hat.

Die Leute vom Jugendamt sollen so eine Art Superheld sein. Einspringen wenn Lebensgefahr besteht, in letzter Sekunde die Kinder aus den Flammen ziehen und sonst unauffällig ihr Dasein fristen, möglichst ohne ihre Fähigkeiten preis zugeben. Und andere Menschen haben sowieso nie das Recht sich einzumischen.

Ja selbst wenn der Nachbar nebenan Schreie hört, ist er der Buhmann der Nation, wenn er Hilfe holt.

Eltern dürfen scheinbar hierzulande alles, außer ihre Kinder zu töten.

Aber der Tod ist doch nicht die einzige Gefahr, die Kindern drohen kann. Selbst gute Eltern können Fehler machen. Das ist menschlich.

Aber in dieser Gesellschaft herrscht eine merkwürdige Doppelmoral was die Rechte von Kindern angeht.

Diese Rechte sind zwar gesetzlich geschützt.

Aber niemand als die Eltern selbst darf darüber wachen, ob die Rechte auch gewährt werden.

Aber die Kinder wachsen doch nicht allein in einer Familie auf, sondern in einer viel größeren Gemeinschaft. Viele Erwachsene stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Zwergen, wissen als Lehrer, Trainer oder Nachbar oft auch Bescheid, was die Kinder bewegt.

Dann besteht doch für jeden Menschen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht darauf zu achten, das aus den Kindern mal gute Menschen werden.

Und wenn man als Mutter fünfmal, von verschiedenen Menschen, die das Kind alle gut kennen, gesagt bekommt, dass man es überfordert, dass sich die Erziehungsmethode rächen wird, dann kann man doch als normal denkender Mensch nicht hingehen, und diese verantwortungsbewussten Menschen asozial nennen, und ihre Warnungen einfach in den Wind schlagen.