Ich stellte mir die Frage, während ich gestern im Fernsehen eine Dokusoap rein zog, die eine allein erziehende Mutter mit ihrem 12jährigen Sohn zeigte.
OK- Dokusoap ist nicht gleich Dokumentation, aber dieses Reality-TV hat doch zumindest den Anspruch Tatsachen zu zeigen und nicht Fiktion. Deswegen gehe ich von der traurigen Tatsache aus, dass diese Mutter tatsächlich alleiniges Recht hat für ihren Sohn zu entscheiden.
Nein, sie hat ihn nicht geschlagen oder vernachlässigt, oder was sonst so in unserer Gesellschaft als Misshandlung gilt. Sie hat ihn gefördert.
Oder gefordert.
Klingt jetzt erst mal nach guter Erziehung. Aber es wird wohl jedem bewusst sein, dass es möglich ist Kinder zu ÜBERFORDERN.
Und genau das war hier geschehen. Auf eine Weise, die meiner Meinung nach bereits Missbrauch genannt werden muss.
Der Junge sollte Musicalstar werden.
Zu diesem Zweck bekam er Gesangsunterricht, Ballettstunden, Turntraining, Rollkunstlaufübungen und und und.
Jeweils dreimal die Woche und abends zu Hause musste er seine Show fürs Musicalcasting im Wohnzimmer vorführen.
Es könnte in Ordnung sein, wenn der Junge Spaß daran gehabt hätte, oder wenn er selbst dieses hohe Ziel gehabt hätte.
Aber das Gegenteil war der Fall.
Beim Ballett hat er sich regelrecht geschämt, als einziger Junge in der Klasse. Auf den Rollkunstlauf hatte er keine Lust, weil er nach einer anstrengenden Woche einfach nur müde war. Doch seine Mutter kannte keine Gnade. Schleppte ihn von einem Termin zum nächsten. Ließ ihm weder Zeit für Freunde, noch für seine eigentlichen Interessen.
Jeder der vielen Trainer sagte ihr, das Kind sei überfordert, sie solle ihm eine normale Kindheit ermöglichen, doch ihre Reaktion war:
“Ich lass mir doch nicht von jedem Dahergelaufenen sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe. Noch bin ich nicht entmündigt!”
Diese Reaktion hat mich schockiert.
Sie sprach nicht einmal davon, dass sie das beste für ihr Kind erreichen wolle, sie sagte einfach nur, dass es doch in ihrer Freiheit bestünde ihr Kind abzutreiben.
Sie fühlte sich bloß in ihrer Ehre verletzt, als andere ihr Erziehungsratschläge gaben. Es ging nicht einmal darum zu ergründen ob die Ratschläge gut oder schlecht waren.
Sie kamen von anderen Menschen, und damit lag es allein in ihrer Freiheit die Ratschläge in den Wind u schießen. Ungeachtet dessen, was für das Kind besser wäre. Ungeachtet dessen ob die Leute das Kind kannten.
Und als Sporttrainer, der einen Jungen dreimal die Woche sieht, lernt man ein Kind gut genug kennen, um den Eltern einen Rat geben zu können.
Sind Eltern wirklich allein für ihre Kinder verantwortlich. Und haben sie wirklich das alleinige Recht ihre Kinder zu verkorksen? Bei Vernachlässigung und Gewalt sind wir uns alle einig, dass das Recht der Eltern nicht grenzenlos ist, und vor allem nie über das Recht der Kinder gestellt werden darf.
Aber Einmischung von dritten ist immer noch verpönt. Wenn das Jugendamt sich mal in einer Entscheidung irrt und etwa zu früh die Alarmglocken läutet und sich einmischt, dann ist das Geschrei in den Medien anschließend wieder groß. Einmischung in die Privatsphäre, Überschreitung der Kompetenzen, Überwachungsstaat. Ungerechtigkeit.
Wenn aber dann ein Hilfsversuch scheitert, und ein Kind stirbt, fragen alle, wo denn das Jugendamt war, warum denn niemand geholfen hat.
Die Leute vom Jugendamt sollen so eine Art Superheld sein. Einspringen wenn Lebensgefahr besteht, in letzter Sekunde die Kinder aus den Flammen ziehen und sonst unauffällig ihr Dasein fristen, möglichst ohne ihre Fähigkeiten preis zugeben. Und andere Menschen haben sowieso nie das Recht sich einzumischen.
Ja selbst wenn der Nachbar nebenan Schreie hört, ist er der Buhmann der Nation, wenn er Hilfe holt.
Eltern dürfen scheinbar hierzulande alles, außer ihre Kinder zu töten.
Aber der Tod ist doch nicht die einzige Gefahr, die Kindern drohen kann. Selbst gute Eltern können Fehler machen. Das ist menschlich.
Aber in dieser Gesellschaft herrscht eine merkwürdige Doppelmoral was die Rechte von Kindern angeht.
Diese Rechte sind zwar gesetzlich geschützt.
Aber niemand als die Eltern selbst darf darüber wachen, ob die Rechte auch gewährt werden.
Aber die Kinder wachsen doch nicht allein in einer Familie auf, sondern in einer viel größeren Gemeinschaft. Viele Erwachsene stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Zwergen, wissen als Lehrer, Trainer oder Nachbar oft auch Bescheid, was die Kinder bewegt.
Dann besteht doch für jeden Menschen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht darauf zu achten, das aus den Kindern mal gute Menschen werden.
Und wenn man als Mutter fünfmal, von verschiedenen Menschen, die das Kind alle gut kennen, gesagt bekommt, dass man es überfordert, dass sich die Erziehungsmethode rächen wird, dann kann man doch als normal denkender Mensch nicht hingehen, und diese verantwortungsbewussten Menschen asozial nennen, und ihre Warnungen einfach in den Wind schlagen.
Benedikt Peters Sagte:
on September 1, 2008 at 6:22
Hallo,
vorne weg, ähnliche Diskussionen hatte ich schon in einem Kindermissbrauchsforum auf wkw miterleben dürfen.
Sowohl zu Fragen wie “Wo fängt Missbrauch an, wo hört er auf?”,
also auch zu Fragen
“Wo sind die Grenzen der Eltern?
Wo fängt die Verantwortung der Gesellschaft an?
Was erwarten wir von einer Einrichtung, wie dem Jugendamt udn wo sind die Grenzen einer solchen Einrichtung? …..”
Zu dem beschrieben Fall, wie er hier dargestellt ist möchte ich sagen, dass es zumindest nicht besonders klug ist, ein Kind unter Druck, entgegen seiner Neigungen und Interessen zu irgendwelchen Aktivitäten zu zwingen.
In diesem beschrieben Fall steckt natürlich noch eine besonders tragische Ironie, denn
1. schickt diese Frau ihr Kind zu Fachleuten achtet aber nicht deren Rat,
2. sie möchte nicht einmal Rat annehmen, ihr Kind allerdings zwingt sie
Allgemein zu der Problematik, was müssen Eltern und was dürfen sie, oder was darf eine Einrichtung wie das Jugendamt, oder wo mus oder wodarf der Nachbar sich einmischen:
Es ist fast so eine kniffelige Diskussion wie die mit der Rechtschreibung. nur nicht ganz so harmlos.
Wer soll wie schreiben und wann, bzw. in welcher Situation?
Wer darf darüber bestimmen, ob die Rechtschreibung überarbeitet werden muss?
Aber zurück zur Eltern-Kinder-Problematik.
Es ist letztlich die Frage von Werten und Normen einer Gesellschaft, bis zu welchem Punkt es Sache der Eltern ist, wie sie mit ihrem Kind umgehen, bzw. was sie ihm zumuten.
Unsere Gesellschaft heute hat jedoch einen nicht zu unterschätzenden Mangel an Übereinkunft in der Frage, welche Werte udn Normen allgemein anerkannt sind.
Hinzu gesellt sich eine starke Betonung des Individuums.
Ich denke in diesem Zusammenhang auch an das weit udn breit stark betonte Ziel der “Selbstverwirklichung” was immer hinter diesem kuriosen Wort an Bedeutung stecken mag, denn verwirklicht sind wir ja schon mit unserer Geburt. Man paare zwei Begriffe miteinander, die in dieser Kombination noch nicht aufgetaucht sind, möglichst mit einem positiven Bezug zum Adressaten, zu dem man spricht und simsalabim viele Jacuhzen in befriedigter Wonne auf.
Warum Selbstverwirklichung? Weil es zuminedst zu meinen Ohren bislang nicht durchgedrungen ist, ob jemand schon festgestellt hat, ob diese ominöse Selbsverwirklichung auch Grenzen hat?
Von der Freiheit, wenn man sie vernünftig nutzen will, so dass alle etwas davon haben, sagt man gerne, die eigene Freiheit hört da auf, wo die des anderen anfängt.
Über die Selbstverwirklichung habe ich so etwas kritisches noch nei gehört?
Was also wird wohl passieren, wenn ein Elternteil seine Berufung in Sachen Selbstverwirklichung im Bereich der Famile findet?
Könnte es sein, dass das Kind zu einem zu bearbeitenden Werkstoff wird, oder zu einem Computer, der optimal nach den eigenen Vorstellungen programmiert werden muss?
Tja, was macht da nun die Gesellschaft?
Das ist nicht leicht zu beantworten, aber ich habe eine Hoffnung, weil ich das schon des öfteren meine beobachtet zu haben.
Kinder, die völlig gegen ihren Willen von Eltern durchplant werden, die werden schnell – ich will nciht gleich sagen erwachsen – aber auf jeden Fall selbständig und entscheidungsfreudig.
Es besteht also die Hoffnung,d ass sie sich selber befreien werden.
Und da kommt dann doch noch einmal die Gesellschaft zum Zuge !!
Genau da sehe ich dann die Verantwortung der gesellschaft, dass es Menschen und Einrichtungen gibt, die sich um solche jungen menschen kümmern, ihnen helfen und begleiten.
in diesem Sinne
eine Gute Woche
Benedikt
Knut Sagte:
on September 2, 2008 at 6:17
Es gibt seit 2400 Jahren eine Antwort auf diese Frage, die auch gleich mit dem schwierigen Problem der Chancengleichheit fertigwird: man nehme einfach allen Eltern die Kinder bei der Geburt weg und erziehe sie in staatlichen Einrichtungen, in denen Erzieher arbeiten, die sich auf ihre Arbeit verstehen. Nur so kann gewährleistet werden, dass jedes Kind eine gute Erziehung bekommt.
Natürlich will das keiner … Aber es scheint mir die einzige wirkliche Lösung zu sein. Wenn wir jedoch den Eltern gegenüber nicht so grausam sein wollen, müssen wir wohl oder übel bis zu einem gewissen Grad mit solchen Problemen leben.
Benedikt Peters Sagte:
on September 4, 2008 at 10:17
haha, bei dem Kommentar musste ich gerade die Luft anhalten, aber der letzte Satz beruhigt mcih dann doch wieder ein wenig, Knut.
Denn Schulen bestehen aus Menschen und Menschen machen Fehler, oder haben so ihre ganz speziellen Vorstellungen.
Deshalb kann Schule pur, wohl kaum die Lösung sein, denn auch die Lehrer sind in der Lage mindestens so viele Fehler zu machen, wie die Eltern, selbst (vielleicht auch gerade weil) sie so gut ausgebildet sind, bzw. sein sollten.
Fachleute wissen viel über ihr Fach, aber genau die Nähe zu ihrem Fach lässt Fachleute oft die Zusammenhänge den Blick fürs “große Ganze” verkümmern. Bzw. sie kennen sich prima in Methoden aus, aber wiviele wissen wirklich welchen Sinn ihr Fachgebiet in der Welt, für die Menschen, im Leben hat. …
claudiathur Sagte:
on September 16, 2008 at 3:37
Zu Knuts Einwand gibt es einen original text. den ich auch selbst schon mal zum Thema gemacht habe.
http://texthur.wordpress.com/2008/07/10/platons-philosophenstaat/