Archiv fürOktober, 2008

Mit meinen Philosophenkollegen vom Philostammtisch habe ich ja schon länger ein Diskussion offen, was meine Meinung zu Musik und ihrer Wahrnehmung angeht. Jetzt wurde ein Blog entdeckt, auf dem neben vielen anderen sachen auch Musik zum Thema wurde. Worauf Knut mich aufmerksam machte, war eine Auseinandersetzung mit dem Stück „You shook me all night long“ von AC/DC.

Da ich gezielt mit diesem Zitat angesprochen wurde fühle ich mich verpflichtet darauf zu antworten.
Zugegeben, das Stück hat einen Schluss, der unterwartet kommt, was darauf schließen lässt, dass die Musik bestimmten Regeln folgt, oder andernfalls die Regelbrüche sofort auffallen.
Ich habe aber nie behauptet, dass Musik keinen Regeln folgt. Selbst Geräusche folgen Regeln, warum soll Musik dass dann nicht tun? Im Gegenteil können Regelbrüche gerade dazu führen, dass ein Geräusch seinen Zufälligkeitscharakter verliert.
Dass dieseer Regelbruch auch Musiklaien auffällt, heißt noch nicht, dass ein Laie auch erklären kann, was da so merkwürdig klingt.
Es wurde eine aufgebaute Spannung erwähnt, die Erwartungen wecken soll. Was aber in diesem Stück, zumindest für meine Ohren, nicht geschehen ist. Es hörte sich an als hätte jemand den Stecker gezogen. Das Lied stoppte einfach mittendrin.
Dies fällt aber nur auf, weil wir anderes gewohnt sind. Diese Gewöhnung hat aber nicht mit Dominanten, Dreiklängen oder Tonika zu tun. Das mag alles zutreffen. Den meisten geht es aber hier ähnlich wie mir. Den ganzen Kram hören wir einfach nicht.

Ungewohnt ist bloß, dass das Lied am Ende nicht leiser wird oder die Töne langgezogen ausklingen oder der Rhythmus aussetzt. Da ist nicht eine neue ungewohnte Art von Ende gespielt worden, sondern gar keins. Sicherlich gibt es Musikwissenschaftler, die mir lang und breit erklären können, welche kunstvollen Kniffe am Ende des Stückes angewandt wurden. Das ist sicher auch interessant, wenn man sich mit Musikwissenschaft auseinandersetzt. Aber man hört es nicht, wenn man keine Ahnung davon hat. es gibt für den Durchschnittmusikhörer keine Erwartungen, die am Ende erfüllt oder gebrochen werden können. Das Irritierende an diesem Beispiel ist die plötzliche Stille.

Und wie Sebastian in seinem Blog selbst geschrieben hat, kann diese Stille durch jedes Geräusch vertrieben werden. Eigentlich sagte er:

„zumal auf dem Album nach nur kurzer Pause das nächste Stück beginnt, dessen Einsatz die aufgebaute Erwartung doch noch teilweise erfüllt und die Spannung zumindest teilweise abfängt, aufnimmt und weiterträgt.“

Ob da ein Musikwissenschafltich korrektes Ende oder ein neues Stück kommt ist für den Hörer irrelevant. Die Einschränkung liegt eher daran, dass durch das neue Stück ein bruch im Rhythmus entsteht, der irritieren kann.

Vielleicht hatten AC/DC ja wirklich einfach keinen Bock das Ende zu schreiben und zu spielen, weil DJs es ohnehin jedesmal abschneiden und vorher ein neues Stück einspielen.

Außerdem muss ich nochmal darauf hinweisen, dass ich keine Musiktheorie habe. Nicht mal eine unvollständige. Denn dafür müsste ich mich mit Musik auskennen. Worüber ich spreche ist nicht die Musik, sondern die Menschen, die Musik hören.

Und aus der Sicht muss ich Sebastians Alarmschrei zustimmen.

Es gibt Gewohnheiten, auf die ein Künstler achten muss. Und jenachdem was er ausdrücken will gilt es diese Gewohnheiten zu bedienen oder zu enttäuschen.

Regeln zu brechen kann erforderlich sein, um ein großes Kunstwerk zu schaffen. Aber in jeder Kunst, egal ob Musik, Literatur, Film oder was auch immer, muss man davon ausgehen, dass die Masse der Rezipienten einen Regelbruch entweder garnicht oder als Fehler wahrnimmt, weil die meisten keine Ahnung haben, wie die Regeln sind, und warum sie sich etabliert haben.

Gibt es noch Berufe, in denen man sich gebraucht fühlt?

Also wirklich in den Berufen. Als Mensch. Als Individuum.

Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ein Fabrikarbeiter, der einzelne Arbeitsschritte am Fließband ausführt, oder sogar nur Maschinen überwacht, ob sich kein Teil verklemmt, den Eindruck hat, dass er selbst für diese Arbeit gebraucht wird. Schon nach kurzer Anlernzeit kann jeder, der bereit ist diese Arbeit zu übernehmen ihn ersetzen. Wer eine Ausbildung gemacht hat, kann hier wahrscheinlich nur wenig, von dem was er gelernt hat auch anwenden. Jederzeit muss ihm klar sein, dass nur das langsame Vorankommen der Roboterentwicklung verhindert, dass er vor seiner Rente den Arbeitsplatz verliert.

Bei der Suche nach Berufen, in denen das anders ist, werden einem sofort Kranken- und Altenpflege genannt. Man arbeitet mit Menschen, die einen brauchen, die auf einen angewiesen sind. Sowohl eine lange Ausbildung, als auch notwendige Charaktereigenschaften, machen den einzelnen Pfleger unersetzbar. Gerade in der Altenpflege ist Vertrauen eine wichtige Basis, die nur langsam aufgebaut werden kann. Überhaupt ist in der Pflege die Erfahrung, die man als Mensch in diesem Beruf sammeln kann, wichtiger als alles, was man vorher gelernt hat. Hier sind Berufe, die sich niemals durch Maschinen ersetzen lassen, stets nur schwer durch andere Menschen.

Doch Gesundheitsreformen und knappe Kassen führen immer mehr dazu, dass auch in diesen Berufen das Gefühl aufkommt, Ballast zu sein. Die gute Pflege Alter Menschen wird zum Ärgernis, dass unnötiges Geld kostet. Die Alten nicht zu fördern, und sie statt dessen zur Bettlägerigkeit hinzupflegen ist aus finanzieller Sicht geboten. Menschlichkeit wird zu einem vermeidbaren finanziellen Risiko.

Viele Altenpfleger fühlen sich von einem System missbraucht, in dem gute Arbeit bestraft und schlechte belohnt wird. Ich kann es keinem Verdenken, wenn er in dieser Situation die Hoffnung verliert, je etwas bessern zu können, und sich der falschen Arbeitsweise einfach hingibt.

Um so größer meine Hochachtung vor denen, die es schaffen dennoch ihren Idealen treu zu bleiben. Sei es in der Pflege selbst, trotz finanzieller Schwierigkeiten gute Arbeit zu machen, sei es in der Leitung von Altenheimen, indem man die finanziellen Probleme nicht an die Pfleger weitergibt.

Das Gefühl gebraucht zu werden, haben diese Menschen bestimmt. Aber nicht auf beruflicher Ebene, sondern zwischenmenschlich. Wie ein Fabrikarbeiter, der seine Familie versorgt, arbeiten sie in einem System, das sie zerstören kann, weil es Menschen gibt, die sich auf sie verlassen.

Ähnlich muss es doch auch Lehrern gehen. Die Bezahlung ist niedrig, jeder andere glaubt er könne die Arbeit besser. Man muss es nicht nur Direktoren, Kollegen, Politikern und der Bildzeitung rechtmachen, sondern auch den Eltern, die immer das beste für ihr Kind wollen.

Dabei soll er es doch eigentlich den Schülern recht machen, die aber leider dann am meisten meckern, wenn er seine Arbeit richtig macht. Schüler sind undankbare Kunden, weil sie selbst nicht wissen, was das beste für sie ist.

In allen Berufen, die man hier in Deutschland ergreifen kann, liegt das Gefühl ein nützliches Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, nicht in der Arbeit selbst, und erst recht nicht in der Anerkennung des Berufes durch Andere.

Es kommt manchmal aus kleinen Erfolgen in der Arbeit. Von dem dankbaren Blick eines kranken Menschen, den man gepflegt hat. Von dem Erfolg eines Schülers, den man unterrichtet hat. Von der Reparatur einer Maschine, die sich lange gewehrt hat.

Aber diese Momente sind nicht der Ursprung des guten Gefühls. Sie lassen es nur deutlich werden. Wer sich nicht im Inneren nützlich fühlt, der hat kein Auge für diese Momente, die einem überall begegnen können.

Eine alte Dame, der man im Bus seinen Platz überlässt. Ein Kind, dem man ein verlorenes Spielzeug zurückgibt. Freunde, die man zum Lachen bringt. Verwandte, die sich einfach nur freuen Dich zu sehen.

Wenn doch nun das Gefühl gebraucht zu werden bei jedem weniger aus dem Beruf, als aus den alltäglichen Begegnungen des Alltags kommt, warum wird es dann manchen Menschen, die unfreiwillig keinen Beruf haben so schwer gemacht sich dennoch nützlich zu fühlen?

Ist denn ein HartzIV Empfänger, der drei Kinder versorgt, wirklich weniger nützlich für unsere Gesellschaft, als ein Firmenchef, der Millionen aus seiner Firma abzieht, um sich ein schönes Privatleben zu gönnen?
Ist denn jemand, der sechs Monate lang täglich unzählige Bewerbungen abschickt tatsächlich faul?
Kann denn der Fließbandarbeiter etwas dafür, dass seine Stelle gestrichen wurde?
Kann der fünfzigjährige Handwerker etwas dafür, dass es sein Handwerk plötzlich nicht mehr gibt?
Kann im Gegenzug, der Erbe einer Firma etwas dafür, dass er sich seinen Beruf nicht aussuchen musste, oder durfte?

Das Gefühl gebraucht zu werden kommt nicht vom Bankkonto.
Es kommt nicht davon, dass man für eine Handlung bezahlt wird.
Es kommt aus der Wirkung die ein Mensch auf einen anderen hat.