Mit meinen Philosophenkollegen vom Philostammtisch habe ich ja schon länger ein Diskussion offen, was meine Meinung zu Musik und ihrer Wahrnehmung angeht. Jetzt wurde ein Blog entdeckt, auf dem neben vielen anderen sachen auch Musik zum Thema wurde. Worauf Knut mich aufmerksam machte, war eine Auseinandersetzung mit dem Stück „You shook me all night long“ von AC/DC.
Da ich gezielt mit diesem Zitat angesprochen wurde fühle ich mich verpflichtet darauf zu antworten.
Zugegeben, das Stück hat einen Schluss, der unterwartet kommt, was darauf schließen lässt, dass die Musik bestimmten Regeln folgt, oder andernfalls die Regelbrüche sofort auffallen.
Ich habe aber nie behauptet, dass Musik keinen Regeln folgt. Selbst Geräusche folgen Regeln, warum soll Musik dass dann nicht tun? Im Gegenteil können Regelbrüche gerade dazu führen, dass ein Geräusch seinen Zufälligkeitscharakter verliert.
Dass dieseer Regelbruch auch Musiklaien auffällt, heißt noch nicht, dass ein Laie auch erklären kann, was da so merkwürdig klingt.
Es wurde eine aufgebaute Spannung erwähnt, die Erwartungen wecken soll. Was aber in diesem Stück, zumindest für meine Ohren, nicht geschehen ist. Es hörte sich an als hätte jemand den Stecker gezogen. Das Lied stoppte einfach mittendrin.
Dies fällt aber nur auf, weil wir anderes gewohnt sind. Diese Gewöhnung hat aber nicht mit Dominanten, Dreiklängen oder Tonika zu tun. Das mag alles zutreffen. Den meisten geht es aber hier ähnlich wie mir. Den ganzen Kram hören wir einfach nicht.
Ungewohnt ist bloß, dass das Lied am Ende nicht leiser wird oder die Töne langgezogen ausklingen oder der Rhythmus aussetzt. Da ist nicht eine neue ungewohnte Art von Ende gespielt worden, sondern gar keins. Sicherlich gibt es Musikwissenschaftler, die mir lang und breit erklären können, welche kunstvollen Kniffe am Ende des Stückes angewandt wurden. Das ist sicher auch interessant, wenn man sich mit Musikwissenschaft auseinandersetzt. Aber man hört es nicht, wenn man keine Ahnung davon hat. es gibt für den Durchschnittmusikhörer keine Erwartungen, die am Ende erfüllt oder gebrochen werden können. Das Irritierende an diesem Beispiel ist die plötzliche Stille.
Und wie Sebastian in seinem Blog selbst geschrieben hat, kann diese Stille durch jedes Geräusch vertrieben werden. Eigentlich sagte er:
„zumal auf dem Album nach nur kurzer Pause das nächste Stück beginnt, dessen Einsatz die aufgebaute Erwartung doch noch teilweise erfüllt und die Spannung zumindest teilweise abfängt, aufnimmt und weiterträgt.“
Ob da ein Musikwissenschafltich korrektes Ende oder ein neues Stück kommt ist für den Hörer irrelevant. Die Einschränkung liegt eher daran, dass durch das neue Stück ein bruch im Rhythmus entsteht, der irritieren kann.
Vielleicht hatten AC/DC ja wirklich einfach keinen Bock das Ende zu schreiben und zu spielen, weil DJs es ohnehin jedesmal abschneiden und vorher ein neues Stück einspielen.
Außerdem muss ich nochmal darauf hinweisen, dass ich keine Musiktheorie habe. Nicht mal eine unvollständige. Denn dafür müsste ich mich mit Musik auskennen. Worüber ich spreche ist nicht die Musik, sondern die Menschen, die Musik hören.
Und aus der Sicht muss ich Sebastians Alarmschrei zustimmen.
Es gibt Gewohnheiten, auf die ein Künstler achten muss. Und jenachdem was er ausdrücken will gilt es diese Gewohnheiten zu bedienen oder zu enttäuschen.
Regeln zu brechen kann erforderlich sein, um ein großes Kunstwerk zu schaffen. Aber in jeder Kunst, egal ob Musik, Literatur, Film oder was auch immer, muss man davon ausgehen, dass die Masse der Rezipienten einen Regelbruch entweder garnicht oder als Fehler wahrnimmt, weil die meisten keine Ahnung haben, wie die Regeln sind, und warum sie sich etabliert haben.