Also wirklich in den Berufen. Als Mensch. Als Individuum.
Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ein Fabrikarbeiter, der einzelne Arbeitsschritte am Fließband ausführt, oder sogar nur Maschinen überwacht, ob sich kein Teil verklemmt, den Eindruck hat, dass er selbst für diese Arbeit gebraucht wird. Schon nach kurzer Anlernzeit kann jeder, der bereit ist diese Arbeit zu übernehmen ihn ersetzen. Wer eine Ausbildung gemacht hat, kann hier wahrscheinlich nur wenig, von dem was er gelernt hat auch anwenden. Jederzeit muss ihm klar sein, dass nur das langsame Vorankommen der Roboterentwicklung verhindert, dass er vor seiner Rente den Arbeitsplatz verliert.
Bei der Suche nach Berufen, in denen das anders ist, werden einem sofort Kranken- und Altenpflege genannt. Man arbeitet mit Menschen, die einen brauchen, die auf einen angewiesen sind. Sowohl eine lange Ausbildung, als auch notwendige Charaktereigenschaften, machen den einzelnen Pfleger unersetzbar. Gerade in der Altenpflege ist Vertrauen eine wichtige Basis, die nur langsam aufgebaut werden kann. Überhaupt ist in der Pflege die Erfahrung, die man als Mensch in diesem Beruf sammeln kann, wichtiger als alles, was man vorher gelernt hat. Hier sind Berufe, die sich niemals durch Maschinen ersetzen lassen, stets nur schwer durch andere Menschen.
Doch Gesundheitsreformen und knappe Kassen führen immer mehr dazu, dass auch in diesen Berufen das Gefühl aufkommt, Ballast zu sein. Die gute Pflege Alter Menschen wird zum Ärgernis, dass unnötiges Geld kostet. Die Alten nicht zu fördern, und sie statt dessen zur Bettlägerigkeit hinzupflegen ist aus finanzieller Sicht geboten. Menschlichkeit wird zu einem vermeidbaren finanziellen Risiko.
Viele Altenpfleger fühlen sich von einem System missbraucht, in dem gute Arbeit bestraft und schlechte belohnt wird. Ich kann es keinem Verdenken, wenn er in dieser Situation die Hoffnung verliert, je etwas bessern zu können, und sich der falschen Arbeitsweise einfach hingibt.
Um so größer meine Hochachtung vor denen, die es schaffen dennoch ihren Idealen treu zu bleiben. Sei es in der Pflege selbst, trotz finanzieller Schwierigkeiten gute Arbeit zu machen, sei es in der Leitung von Altenheimen, indem man die finanziellen Probleme nicht an die Pfleger weitergibt.
Das Gefühl gebraucht zu werden, haben diese Menschen bestimmt. Aber nicht auf beruflicher Ebene, sondern zwischenmenschlich. Wie ein Fabrikarbeiter, der seine Familie versorgt, arbeiten sie in einem System, das sie zerstören kann, weil es Menschen gibt, die sich auf sie verlassen.
Ähnlich muss es doch auch Lehrern gehen. Die Bezahlung ist niedrig, jeder andere glaubt er könne die Arbeit besser. Man muss es nicht nur Direktoren, Kollegen, Politikern und der Bildzeitung rechtmachen, sondern auch den Eltern, die immer das beste für ihr Kind wollen.
Dabei soll er es doch eigentlich den Schülern recht machen, die aber leider dann am meisten meckern, wenn er seine Arbeit richtig macht. Schüler sind undankbare Kunden, weil sie selbst nicht wissen, was das beste für sie ist.
In allen Berufen, die man hier in Deutschland ergreifen kann, liegt das Gefühl ein nützliches Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, nicht in der Arbeit selbst, und erst recht nicht in der Anerkennung des Berufes durch Andere.
Es kommt manchmal aus kleinen Erfolgen in der Arbeit. Von dem dankbaren Blick eines kranken Menschen, den man gepflegt hat. Von dem Erfolg eines Schülers, den man unterrichtet hat. Von der Reparatur einer Maschine, die sich lange gewehrt hat.
Aber diese Momente sind nicht der Ursprung des guten Gefühls. Sie lassen es nur deutlich werden. Wer sich nicht im Inneren nützlich fühlt, der hat kein Auge für diese Momente, die einem überall begegnen können.
Eine alte Dame, der man im Bus seinen Platz überlässt. Ein Kind, dem man ein verlorenes Spielzeug zurückgibt. Freunde, die man zum Lachen bringt. Verwandte, die sich einfach nur freuen Dich zu sehen.
Wenn doch nun das Gefühl gebraucht zu werden bei jedem weniger aus dem Beruf, als aus den alltäglichen Begegnungen des Alltags kommt, warum wird es dann manchen Menschen, die unfreiwillig keinen Beruf haben so schwer gemacht sich dennoch nützlich zu fühlen?
Ist denn ein HartzIV Empfänger, der drei Kinder versorgt, wirklich weniger nützlich für unsere Gesellschaft, als ein Firmenchef, der Millionen aus seiner Firma abzieht, um sich ein schönes Privatleben zu gönnen?
Ist denn jemand, der sechs Monate lang täglich unzählige Bewerbungen abschickt tatsächlich faul?
Kann denn der Fließbandarbeiter etwas dafür, dass seine Stelle gestrichen wurde?
Kann der fünfzigjährige Handwerker etwas dafür, dass es sein Handwerk plötzlich nicht mehr gibt?
Kann im Gegenzug, der Erbe einer Firma etwas dafür, dass er sich seinen Beruf nicht aussuchen musste, oder durfte?
Das Gefühl gebraucht zu werden kommt nicht vom Bankkonto.
Es kommt nicht davon, dass man für eine Handlung bezahlt wird.
Es kommt aus der Wirkung die ein Mensch auf einen anderen hat.
Benedikt Sagte:
on Oktober 9, 2008 at 12:41
Tja, für das Gefühl gebraucht zu werden braucht es ja bekanntlich immer zwei. Der der gebraucht wird und vor allem der, der braucht.
Da wo, viele Menschen irgendwie zusammen leben und aufeinandfer angewiesen sind, würden diese Rollen auf der einen Seite jeder einzelne Mensch und auf der anderen Seite die Gesellschaft einnehmen.
Ich frage mich, gibt es eine Gesellschaft, gibt ganz besonders in Deutschland eine Gesellschaft?
Mir ist es manchmalö so als wäre die Gesellschaft tot.
Warum, da bin ich mir cniht so ganz sicher, aber vielleicht wurde sie hierzulande schon zweimal gemordet, einmal von denen, die diese Gesellschaft in ihrem menschenverachtenden Sinne „optmimieren“, uniformieren und unterwerfen wollten ud dies auch taten und dann ein zweites Mal von denen, die vielleicht als Erwiderung auf die erstgenannten, den nackten Individualismus gepredigt und eingeführt haben.
Ist Gesellschaft nicht ein freiwilliges Miteinander?
Knut Sagte:
on Oktober 11, 2008 at 3:37
Ich glaube, das Problem sitzt inzwischen sehr tief in unserer Gesellschaft und damit auch in uns. Ein gutes Beispiel dafür ist deine Aufzählung derjenigen, die keinen Arbeitsplatz haben. Was ist mit denen, deren Lebenslauf nichts vorzuweisen hat? Keine drei Kinder oder dreissig Jahre fleissige Berufstätigkeit oder Unmengen geschriebener Bewerbungen? Selbst in ihrer Kritik sind die Konventionen der „Leistungsgesellschaft“ noch gegenwärtig.
@ Benedikt: Wenn dein Überleben sowohl emotional als auch rein körperlich von den Anderen abhängt, und das ist für jeden Menschen der Fall, dann kann man kaum von Freiwilligkeit reden. Mal ganz abgesehen von den gesellschaftlichen Normen, die uns von klein auf andressiert werden. Jede Gesellschaft ist erst einmal Unterwerfung.
Knut Sagte:
on Oktober 11, 2008 at 8:27
Die Altenpflege ist auch nur auf begrenzte Zeit ein Privileg des Menschen. Es gibt da auch schon innovative Roboter.
claudiathur Sagte:
on Oktober 12, 2008 at 8:39
Es stimmt schon, ich habe nur Menschen aufgezählt, die ohne widerspruch als nützlich angesehen werden.
Damit wollte ich deutlich machen, dass selbst nach der gängigen Betrachtung, sich nicht verallgemeinern lassen kann, dass jemand auf Kosten der Gesellschaft lebt, der keiner bezahlten Arbeit nachgeht.
Ich möchte aber bewusst nicht komplett ausschließen, dass es sogenannte Sozialschmarotzer überhaupt gibt.
Nur dass diejenigen, die freiwillig nur nach den eigenen Wünschen leben, und sich ihr Leben vom Sozialamt finanzieren lassen, obwohl sie andere Möglichkeiten hätten, kein Problem mit der Frage nach dem gebraucht werden haben.