Archiv fürNovember, 2008

Wozu brauchen wir unser Schulwissen?

Zu dieser Frage inspirierte mich ein Beitrag in einer „höchstwissenschafltichen“ Fernsehsendung. Ich spreche von Galileo.
Vier Personen wurden einer Prüfung unterzogen, um zu vergleichen ob Schüler oder Erwachsene mehr wissen.
Beginnen wir bei der Auswahl der Prüfungsteilnehmer:
Zwei Schüler der zehnten Klasse der Realschule. Ein Junge und ein Mädchen. Mehr wurde nicht dazu gesagt.
Dann die beiden Erwachsenen: Eine Sängerin und ein Koch, die beide Realschulabschluss haben.
Repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland.
Na gut. Deutschland besteht aus Sängern und Köchen und solchen, die eins von beidem werden wollen.

Wesentlich besser war aber die Auswahl der Fragen.
Flaggen erkennen war ja noch ein nettes Spiel. Die Fehler allerdings mehr als knapp.
Es kann ja passieren, dass man eine Flagge quer statt längs streift. Aber Holland Orange-weiß?
Der Koch hat sogar in der zweiten Runde für Frankreich die Flagge gezeichnet, die er zehn Minuten vorher korrekt als polnische Flagge identifizieren konnte. Da spätenstens war klar, dass das Hauptauswahlkriterium der Teilnehmer das schauspielerische Talent war.
Doch es ging ja darum zu beweisen, dass Schulweisheiten im „richtigen Leben“ nicht mehr gebraucht werden.
Also weiter. Was gehört denn zu diesen Schulweisheiten, die wir vergessen, sobald wir unser letztes Zeugnis in der Tasche haben?

Zum Beispiel die Vererbungslehre von Mendel. In gewisser Weise haben die Macher hier sogar recht. Diese Vererbungslehre wird in vielen aktuellen Diskussionen als Grundlage vorausgesetzt. (Ich sag nur: Ich esse keine Nahrungsmittel in denen Gene sind!)
Mit der sollte man sich wirklich auskennen. Und Galileo hat natürlich herausgefunden was die wichtigste Information im Zusammenhang mit Mendels Vererbungslehre ist:
Benutzte er für seine Experimente Linsen, Erbsen oder Erdnüsse?
Ja, wer dass nicht weiß, der hat keine Ahnung von Genetik.
Und auch nicht von Geschichte wie es aussieht.
Denn wie Galileo so überaus treffend bemerkte: Mendel hatte natürlich im 19 Jahrhundert weder Zugang zu indischen Linsen noch zu amerikanischen Erdnüssen. Die kamen ja beide erst 1945 mit den Rosinenbombern nach Deutschland.

Ich denke was in dieser Sendung eindeutig beweisen wurde ist, dass wohl jeder Mitarbeiter bei Galileo seinen Verstand an der Tür abgeben muss, bevor er Konzepte für neue Berichte entwickeln darf.

Kann es sein, dass Wissen in der Wahrnehmung der Fernsehmacher nur noch für die Quizshow taugt. Jede Frage die über die Struktur einer Quizfrage hinausgeht wird entweder ignoriert oder sogar als unsinnig abgetan.
Ähnliches beobachtet man auch in der neuen RTL2 Show: „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
Die Kandidaten dieser Quizsendung unterziehen sich einer langen Befragung unter Überwachung durch einen Lügendetektor, um dann vor Publikum und der eigenen Familie peinlichste Fragen zu beantworten. Wer bis zu Ende durchhält und immer die Wahrheit sagt gewinnt.
Was die Wahrheit auf diese Fragen ist entscheidet natürlich der Lügendetektor.
Die Wahrheit wird in dieser Show mit Geld aufgewogen. Sie ist nicht mehr Wert als 25 000 Euro.
Und jede Frage, die nicht zur Arbeitsweise des Lügendetektors passt, weil sie zu kompliziert ist, wird dennoch in dieses Schema gepresst. Es ist, dieser Sendung nach zu urteilen, unmöglich oder auch unnötig auf eine Frage mit mehr als ja oder nein zu antworten.
Es wird ignoriert, dass gerade diese peinlichen Fragen die Kandidaten emotional so aufwühlen können, dass der Lügendetektor auch bei wahrheitsgemäßer Aussage ausschlagen kann.
Doch wesentlich schlimmer fand ich, dass sogar Fragen gestellt werden, die nicht einmal die Wahl zwischen ja oder nein zulassen.
So war eine der Fragen aus der ersten Sendung: „Würden Sie ihrer besten Freundin den Partner ausspannen, wenn er es Wert wäre?“
Obwohl ein nein auf diese Frage nicht möglich ist, schließlich steht da: Wenn er es Wert wäre. Das heißt es geht nur um den Partner, der es Wert ist. Ob es den überhaupt geben kann, danach war ja nicht gefragt, also obwohl ein nein nicht möglich war, wurde das nein der Kandidatin mit großem Entsetzen vernommen, und von der besagten besten Freundin als Grund für die Aufkündigung der Freundschaft vorgeschoben.
Doch auch die anderen Fragen werden in den Raum gestellt, ohne die Möglichkeit einer vertiefenden Erklärung. Ohne Verteidigung. Ohne Verständnisüberlegungen.
Und dann gibt es selbst auf Antworten wie: Ja, ich bin der Überzeugung, dass es besser wäre, wenn alle Ausländer Deutschland verlassen würden, tosenden Applaus.
Wichtig ist ja nur, dass es die Wahrheit ist.
Welche wahrheit, lässt sich nicht in Quizfragen verpacken. Das ist also uninteressant.
Wenn Quizfragen sich also jetzt endlich vom Schulwissen gelöst haben, brauchen wir das ja wirklich nicht mehr.
Liebe Schüler,
Die Zeit Eurer Leiden ist vorbei. RTL2 hat bewiesen, dass es nicht mehr notwendig ist in der Schule aufzupassen. Quizshows kann man auch anders gewinnen. Nutzt die Zeit also lieber euch möglichst peinliche Ansichten anzuschaffen, damit ihr auch sendetauglich seid.
Viel Spaß beim Rest Eures Lebens.