Archiv fürMärz, 2009

Was ist ein Mensch?

Auf diese ungewöhnliche Frage komme ich natürlich nicht allein. Ich folge hiermit einer Blogparade, die vom Philostammtisch aufgegriffen und so an mich geleitet wurde.

In nur einem Beitrag auf diese Frage zu antworten scheint mir ein wenig vermessen, aber machbar.

Falls man das ganze nicht so ernst nimmt.

The last Human

The last Human

Lady Cassandra, der letzte Mensch bei den Feierlichkeiten zur Endgültigen Zerstörung der Erde.

Nun, sie sieht vielleicht ein wenig aus wie ein Trampolin mit Gesicht, dafür ist sie aber die letzte, die eine rein menschliche Ahnentafel vorweisen kann.

Und genau dies ist die wohl einfachste Definition eines Menschen: Mensch ist, wessen Eltern bereits Menschen waren. Vorteil dieser Definition: Äußerliche Defizite, wie das fehlen von Armen und Beinen, Organen oder Knochen (Bei diesem Beispiel weiß man kaum wo man aufhören soll) nimmt einen nicht mehr aus der Definition aus. Es gibt keine Behinderung, durch die einem das Menschsein abgesprochen werden könnte. Doch was, wenn ein Mensch via künstliche Befruchtung einen Affen oder ein Schaf zur Welt bringt? Ja! Genetik, DNA klar doch, keine echte Frage. Wirklich schwierig wird es aber wieder, wenn man nicht einfach wissen will, wer alles Mensch ist, sondern was genau ein Mensch ist.

Der Witz bei der Serienfigur Lady Cassandra ist, dass sie sich nicht nur durch ihr Aussehen, sondern auch durch ihr Verhalten von unserem Idealbild eines Menschen sehr unterscheidet. Die sogenannte „Menschlichkeit“, die in vielen ScienceFiction Geschichten mit den Eigenschaften Mitgefühl, Neugier und Gerechtigkeitssinn beschrieben wird, fehlt diesem letzten Menschen ganz. Sie ist das, was auch in anderen Genres gerne als „Unmensch“ bezeichnet wird.

Borg

Borg

Sind es wirklich diese Eigenschaften, die einen Menschen zum Menschen machen? Die Borg bei Star Trek schalten ebenfalls bei assimilierten Menschen diese Eigenschaften aus, um sie zu richtigen Borg machen zu können. Was diesen ebenfalls fehlt ist Individualtität. „Wir sind Borg“ Millionen Exemplare dieser Menschmaschinenwesen teilen sich ein Bewußtsein. Gedanken strömen durch alle Köpfe hindurch, und eigene Gedanken lassen sich dadurch, dass sie mit allen geteilt werden nicht denken. Das Kollektiv ist eines. Eine Bezeichnung für die einzelnen entspricht etwa unserer Bezeichnung für einzelne Körperteile.

Muss man ein selbst sein, um Mensch zu sein?

Würde der berühmte Wunsch sich selbst Up zu Loaden genau dadurch die Menschlichkeit zerstören, dass ein Selbst nicht mehr möglich wäre, wenn Gedanken und Gefühle uneingeschränkt geteilt werden? Im virtuellen Raum wäre eine Grenze zwischen den Bewußtseinen wohl kaum möglich.

Oder doch?

Cyberspace

Cyberspace

Selbst wenn,

würden die Daten in unserem Kopf reichen, Mensch zu bleiben?

Ist nicht eines der ursprünglichsten menschlichen Phänomene die Dualität von Leib und Seele, Geist und Körper, Gedanken und Muskeln?

All dies lässt vermuten, dass unsere genetische Abstammung nicht mehr entscheidend für Menschlichkeit ist. Doch was genau macht uns zum Menschen?

Pinocchio

Pinocchio

Das wollte schon Pinocchio wissen. Er erreichte sein Ziel allerdings erst, als eine Fee ihm einen Körper aus Fleisch und Blut gab.

Hatte er den wirklich nötig? Wäre eine Holzpuppe mit Bewußtsein nicht ebenso Mensch, wie die anderen Menschen, und der Körper aus Fleisch und Blut eine Art Schönheitsoperation?

Jacko

Womit wir wieder am Anfang wären.

Ein Hoch auf die Vorurteile

Pfui!
Vorurteile, die sind böse, und wir haben keine!

Äh… Doch haben wir. Alle!

Ein Leben ohne Vorurteile ist in Gesellschaften, in denen man täglich auf unbekannte Menschen trifft nahezu unmöglich.

Wir gehen durch die Fußgängerzonen der Städte, und bringen den meisten Menschen das Vorurteil entgegen: „Der wird mich nicht töten.“
Wenn dieses Vorurteil fehlt, wird ein Spaziergang durch die Innenstadt recht unangenehm.

Richtige Urteile trifft man eben nicht schnell genug, um auf flüchtige Begegnungen reagieren zu können.
Aber auch die anderen Vorurteile, die nicht zum Überbrücken der Zeit bis zum richtigen Urteil gefällt werden, haben wie es scheint ihr gutes.

Es geht hier wirklich um die Vorurteile, die wir alle verurteilen. (Nettes Wortspiel, nicht?) Die berühmten Unterschiede zwischen Männern und Frauen, angebliche Rückständigkeit mancher Kulturen, Vorbehalte gegenüber Behinderten. Richtig böse Sachen eben.

Und die sollen etwas gutes an sich haben?

Vielleicht.
Doch was?

Die Behauptung stammt von Marshall McLuhan, der in seinen magischen Kanälen einen sehr merkwürdigen Medienbegriff aufgestellt hat. Doch über den Medienbegriff will ich hier nicht reden, an den Stellen ist das Buch einfach zu krank.
Doch eine Stelle hat mich aufmerksam werden lassen:
Erst in der Welt der alphabetisierten Gesellschaft gilt als bemitleidenswert wer sich der Forderung nach uniformen Verhaltenmustern nicht fügen kann. Das ist erst mal eine recht naive Art Vorurteile zu betrachten, doch es geht weiter:

„Andererseits schaffen sich in einer Welt, die den Leuten Rollen anstatt Routinearbeiten zuweist, der Zwerg, der schiefhalsige und das Kind ihre eigene Welt. Man erwartet von ihnen nicht, dass sie in ein einheitliches Schablonenfach passen, das sowieso nicht nach ihrem Maß gefertigt ist.“

Also erst dadurch, dass wir den Menschen Rollen zuteilen, nach denen wir sie beurteilen, befreien wir sie von dem Fluch nach einer für alle gleichen Schablone beurteilt zu werden.

Diskriminierung wächst also auf dem selben Nährboden wie Individualismus.

Diesen Nährboden der Diskriminierung durch Gleichberechtigunsgesetze auszutrocknen würde also auch unsere Individualität zerstören, und damit zu größerer Diskriminierung führen, als es ein Vorurteil je kann.

Wenn Menschen alle nach der selben Schablone beurteilt werden, dann werden es Minderheiten schwieriger als je zuvor haben ihre individuellen Stärken hervorzuheben.
Nach der einheitlichen Beurteilungsform fallen bei denen, die dem Bild nicht entsprechen nur die Schwächen ins Gewicht. Individuelle Beurteilung ist nicht möglich, ohne unterschiedliche Kategorien.

Wir brauchen die Kategorien, um jedem gerecht werden zu können. Doch sie bergen auch die Gefahr des Schubladendenkens. Und zwar in dem Moment in dem wir nicht mehr den entsprechenden Schablonen gemäß urteilen, sondern die Schablone für unser Urteil halten.

Um Diskriminierung zu verhindern, dürfen wir also gerade nicht alle nach den selben Kriterien beurteilen, sondern wir müssen dafür sorgen, dass für jeden die richtige Schublade aufgemacht, und dann ein richtiges Urteil gefällt wird.
Gemäß den Kriterien, die für diesen Menschen die richtigen sind.

Ein Urteil aus der Schublade hinaus, nicht in sie hinein.