Pfui!
Vorurteile, die sind böse, und wir haben keine!
Äh… Doch haben wir. Alle!
Ein Leben ohne Vorurteile ist in Gesellschaften, in denen man täglich auf unbekannte Menschen trifft nahezu unmöglich.
Wir gehen durch die Fußgängerzonen der Städte, und bringen den meisten Menschen das Vorurteil entgegen: „Der wird mich nicht töten.“
Wenn dieses Vorurteil fehlt, wird ein Spaziergang durch die Innenstadt recht unangenehm.
Richtige Urteile trifft man eben nicht schnell genug, um auf flüchtige Begegnungen reagieren zu können.
Aber auch die anderen Vorurteile, die nicht zum Überbrücken der Zeit bis zum richtigen Urteil gefällt werden, haben wie es scheint ihr gutes.
Es geht hier wirklich um die Vorurteile, die wir alle verurteilen. (Nettes Wortspiel, nicht?) Die berühmten Unterschiede zwischen Männern und Frauen, angebliche Rückständigkeit mancher Kulturen, Vorbehalte gegenüber Behinderten. Richtig böse Sachen eben.
Und die sollen etwas gutes an sich haben?
Vielleicht.
Doch was?
Die Behauptung stammt von Marshall McLuhan, der in seinen magischen Kanälen einen sehr merkwürdigen Medienbegriff aufgestellt hat. Doch über den Medienbegriff will ich hier nicht reden, an den Stellen ist das Buch einfach zu krank.
Doch eine Stelle hat mich aufmerksam werden lassen:
Erst in der Welt der alphabetisierten Gesellschaft gilt als bemitleidenswert wer sich der Forderung nach uniformen Verhaltenmustern nicht fügen kann. Das ist erst mal eine recht naive Art Vorurteile zu betrachten, doch es geht weiter:
„Andererseits schaffen sich in einer Welt, die den Leuten Rollen anstatt Routinearbeiten zuweist, der Zwerg, der schiefhalsige und das Kind ihre eigene Welt. Man erwartet von ihnen nicht, dass sie in ein einheitliches Schablonenfach passen, das sowieso nicht nach ihrem Maß gefertigt ist.“
Also erst dadurch, dass wir den Menschen Rollen zuteilen, nach denen wir sie beurteilen, befreien wir sie von dem Fluch nach einer für alle gleichen Schablone beurteilt zu werden.
Diskriminierung wächst also auf dem selben Nährboden wie Individualismus.
Diesen Nährboden der Diskriminierung durch Gleichberechtigunsgesetze auszutrocknen würde also auch unsere Individualität zerstören, und damit zu größerer Diskriminierung führen, als es ein Vorurteil je kann.
Wenn Menschen alle nach der selben Schablone beurteilt werden, dann werden es Minderheiten schwieriger als je zuvor haben ihre individuellen Stärken hervorzuheben.
Nach der einheitlichen Beurteilungsform fallen bei denen, die dem Bild nicht entsprechen nur die Schwächen ins Gewicht. Individuelle Beurteilung ist nicht möglich, ohne unterschiedliche Kategorien.
Wir brauchen die Kategorien, um jedem gerecht werden zu können. Doch sie bergen auch die Gefahr des Schubladendenkens. Und zwar in dem Moment in dem wir nicht mehr den entsprechenden Schablonen gemäß urteilen, sondern die Schablone für unser Urteil halten.
Um Diskriminierung zu verhindern, dürfen wir also gerade nicht alle nach den selben Kriterien beurteilen, sondern wir müssen dafür sorgen, dass für jeden die richtige Schublade aufgemacht, und dann ein richtiges Urteil gefällt wird.
Gemäß den Kriterien, die für diesen Menschen die richtigen sind.
Ein Urteil aus der Schublade hinaus, nicht in sie hinein.