Archiv fürApril, 2009

Stirbt die Gegenwart?

H.G.Wells erfand das Volk der Eloi, die weder Vergangenheit noch Zukunft kennen. Aus Seiner wie auch aus unserer Sicht ein primitives, rückständiges Volk, egal wie weit in der Zukunft diese auch existieren mögen. Eine Kultur die nur noch von den Morlocks, den Menschenfressern unterboten werden kann.

Für uns ist es eine Form der Unsterblichkeit, die eigenen Gedanken und Ideen aufzuzeichnen und durch die Zeit zu retten. Der Gedanke, dass unsere Werke in der Zukunft wirken, unser Name über die Generationen bekannt bleibt tröstet über manches körperliche Unglück hinweg. Manche zeugen Kinder, um in ihrem Leben ein Stück von sich selbst für die Zukunft zu bewahren, andere schreiben Bücher, bauen Häuser oder widmen ihr Leben wissenschaftlichen Erkenntnissen.

All dies ist dem Wunsch gewidmet unser Selbst, das was wir sind über unser physisches Dasein hinaus zu erhalten.

Für viele ist das Wissen um Vergangenheit und Zukunft das, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Daher war die Sorglosigkeit mit der die Eloi ihrem Schicksal begegneten auch so schockierend für den Zeitreisenden.

Eine Sorglosigkeit, die allerdings in der neuesten Verfilmung nicht mehr thematisiert wurde. Guy Pearce begegnet einem Volk, das die Steintafeln der alten Völker sammelt und deren Sprache studiert, um von ihnen zu lernen.

Woher wohl dieser Wandel?

Die Sehnsucht nach dem perfekten Moment, dem Genussvollen Augenblick ist momentan so stark wie kaum jemals zuvor. Geboren wurde das „Carpe diem“ als direkte Reaktion auf die immer stärker werdende Faszination Vergangenheit. Tote Sprachen wurden aus der Versenkung gezogen, versunkene Städte ausgegraben, die Geschichte wurde zur historischen Wissenschaft.

Beides wirkt bis heute nach. Doch es scheint sich ein Gewinner durchzusetzen.

Alte Häuser dürfen zwar noch bewohnt, aber nicht an den aktuellen Standard angepasst werden. Historische Dokumente aus dem zerstörten Archiv in Köln werden für teures Geld restauriert, während gleichzeitig Schulen und Universitäten um jeden Cent kämpfen müssen.

Auch die heutige Erlebniskultur ist von der Vorherrschaft der Vergangenheit geprägt. Aus Memento mori wurde: Memento heri. Erinnere dich an gestern. Der Fotoapparat ist ständiger Begleiter, eine Party, die man nicht später digital beweisen kann, hat nie stattgefunden. Aktuelle Ereignisse werden noch während sie laufen mit vergangenem verglichen. Zukünftiges wird mit der Vorgabe, „So wie damals muss es nochmal werden“ geplant.

Unser Wunsch nach Unsterblichkeit hat sich gegen uns gewandt. Die Geister unserer Vorfahren bestehen darauf am Leben gehalten zu werden, und wir tun ihnen den Gefallen gerne, denn nur so erhalten wir eine Kultur, die uns selbst Unsterblichkeit gewähren kann. Gleichzeitig sehen wir aber, wie wenige Personen die Zeiten überdauern.

Wir betrachten unser Leben aus Sicht der Zukunft. Was wird übrig bleiben? Wie wird man sich an mich erinnern?

Wir schreiben unsere Biographien inzwischen selbst, weil wir uns nicht auf die Nachwelt verlassen wollen. Wir schreiben sie auch immer früher, weil jeder Tag unseres Lebens erst dadurch Bedeutung erhält, das er für die Nachwelt festgehalten wurde.

Bisher wurde die Geschichte von den Siegern geschrieben. Wir schreiben sie lieber selbst. Und vergessen dabei vollkommen Geschichte zu machen.

Die primitiven Völker sind es vielleicht, die Vergangenheit und Zukunft nicht kennen, doch wir kennen die Gegenwart nicht mehr. Und produzieren damit eine Vergangenheit, die nichts mehr sein wird.

Die Zukunft auf die wir so bauen, wird von uns nichts mehr vorfinden. Wie auch, wenn unsere Zeit schon für uns selbst nicht mehr existiert?

Big Brother is still watching

Und niemanden interessiert’s!

Die erste Staffel Big Brother war noch ein Skandal. Journalisten, Politiker, Prominente, jeder der damals glaubte etwas zu sagen zu haben glaubte auch etwas dazu sagen zu müssen, sich über diese Sendung aufregen zu dürfen.

Von einem Angriff auf die Privatsphäre war damals die Rede, einer Verletzung der Menschenwürde.

Den Sendern wurde vorgeworfen die Teilnehmer auszunutzen, den Teilnehmern warf man neben Dummheit und Ruhmsucht vor, unserer Kultur irreperablen Schaden zuzufügen.

Nach unzähligen Staffeln und immer neuen Ideen den banalen Alltag in Quoten garantierendes Sendeformat zu bringen, kräht inzwischen kein Hahn mehr nach dem großen Bruder. Die ehemaligen Bewohner des Containers tummeln sich vereinzelt noch in billig produzierten Quizsendungen oder „Promi-specials“. Die aktuelle Staffel wurde von RTL2 im Vorabendprogramm untergebracht und ist selbst in den Sendereigenen Nachrichten keine Meldung mehr wert.

Ist die Menschenwürde längst tot und begraben? Oder handelt es sich nicht mehr um einen Angriff auf die Privatsphäre, Menschen Tag und Nacht zu beobachten?

Zumindest höre ich keinen Aufschrei mehr, wenn dem großen Bruder ständig neue Überwachungsmethoden einfallen. Inzwischen tritt er allerdings nicht mehr unter seinem Namen auf. Und auch nicht mehr mit freiwilligen Kandidaten.

Um so mehr fragt man sich wo die Proteste bleiben.

Der neue große Bruder trägt den Familiennamen google, und lädt als „street view“ dazu ein bekannte Gesichter und kleine Skandälchen auf unangekündigt geschossenen Fotos öffentlicher Plätze zu finden.

Dieser Online-Service stellt im Rahmen der Orientierungshilfe „maps“ Fotoansichten von Straßen und Gebäuden zur Verfügung. Dabei zufällig mitfotografierte Personen oder Autokennzeichen sollen vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht werden. Dies scheint jedoch zumindest in Großbritannien nicht immer zu funktionieren.

Dort erschienen Bilder von Betrunkenen, die sich vor ihrer Kneipe übergeben mussten, Männer wurden beim Besuch von Sexshops ertappt, andere beim Urinieren in fremden Vorgärten. Eine Mutter erkannte sogar ihre Kinder nackt im eigenen Vorgarten spielend.

Google versichert, dass auf Wunsch Fotos sofort entfernt werden.

Damit werden die Datenschützer zufrieden gestellt. Die Privatsphäre ist also ausreichend geschützt, wenn von Programmen erkannte Gesichter verpixelt werden oder auf persönlichen Wunsch Bilder wieder von der Pinnwand entfernt werden.

Auch in Deutschland sind die goolge street view Autos wieder fleißig bei der Arbeit. Von allen Straßen und Gebäuden, die die google Betreiber für interessant befinden werden Fotos gemacht. Und gespeichert. Inklusive aller Gesichter und Autokennzeichen.

Gelöscht werden peinliche Aufnahmen nur auf ausdrücklichen Wunsch. Finden muss man diese aber selbst. Wer also sicher gehen will, dass er nicht bei Google Street view zu sehen ist muss auf eigene Faust alle neu eingestellten Bilder überprüfen, und hoffen, dass niemand vor ihm auf die Aufnahmen stößt und das Bild kopiert und auf anderem Wege verbreitet.

Rechtlich ist google damit auf der sicheren Seite. Es werden nicht gezielt Personen fotografiert und es werden nur öffentliche Plätze, bzw. von diesen aus einsehbare Orte abgelichtet. Die Privatsphäre die Menschen sich in den eigenen vier Wänden schaffen bleibt gewahrt. Ebenso die in Gärten und auf Terrassen, die durch Büsche, Zäune oder ähnliches geschützt sind.

Es werden nur Personen erwischt, die sich freiwillig den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt haben, indem sie ihre Wohnung verließen.

Prominente, die sich auf google Bildern finden lachen darüber nur. Sie sind seit langem gewohnt, dass jeder mit einer Kamera das Recht hat sie zu fotografieren und die Bilder auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Andere finden vielleicht genau aus diesem Grund auch toll, wenn sie sich plötzlich im Internet finden. Auf Fotos, die den Promifotos, die von Paparazzi geschossen wurden ähneln. Vielleicht fühlen sie sich selbst ein bischen berühmter, wenn ihre Privatsphäre ebenso wenig wert ist, wie die ihrer Idole.

Privatsphäre ist kein Grundrecht mehr, sondern ein Makel.

Warum sie also schützen? Sie muss bekämpft werden wo es nur geht. In communitys werden die neuesten Urlaubsbilder aller Welt präsentiert. Neben der Postaddresse wird aufgelistet, wann man zu Hause ist, und wann nicht. Fortgeschrittene stellen eine Webcam in ihr Wohn- oder sogar Schlafzimmer um die Privatheit in jedem Moment ihres Lebens aussperren zu können.

Aber das ist natürlich nur eine Öffentlichkeit zweiten Grades. Man kann sie selbst kontrollieren. Die Webcam lässt sich ausschalten. Da ist der google Paparazzi Service natürlich ein Gewinn. Jeder hat jederzeit die Möglichkeit von unbekannten fotografiert und veröffentlicht zu werden. Eine Ehre, die sonst nur Schauspielern und Musikern zuteil wird.

Orwells Big Brother ist längst in allen Teilen unserer Gesellschaft angekommen, und wir haben ihn freudiger begrüßt als Huxley es sich je hätte träumen können.