Und niemanden interessiert’s!
Die erste Staffel Big Brother war noch ein Skandal. Journalisten, Politiker, Prominente, jeder der damals glaubte etwas zu sagen zu haben glaubte auch etwas dazu sagen zu müssen, sich über diese Sendung aufregen zu dürfen.
Von einem Angriff auf die Privatsphäre war damals die Rede, einer Verletzung der Menschenwürde.
Den Sendern wurde vorgeworfen die Teilnehmer auszunutzen, den Teilnehmern warf man neben Dummheit und Ruhmsucht vor, unserer Kultur irreperablen Schaden zuzufügen.
Nach unzähligen Staffeln und immer neuen Ideen den banalen Alltag in Quoten garantierendes Sendeformat zu bringen, kräht inzwischen kein Hahn mehr nach dem großen Bruder. Die ehemaligen Bewohner des Containers tummeln sich vereinzelt noch in billig produzierten Quizsendungen oder „Promi-specials“. Die aktuelle Staffel wurde von RTL2 im Vorabendprogramm untergebracht und ist selbst in den Sendereigenen Nachrichten keine Meldung mehr wert.
Ist die Menschenwürde längst tot und begraben? Oder handelt es sich nicht mehr um einen Angriff auf die Privatsphäre, Menschen Tag und Nacht zu beobachten?
Zumindest höre ich keinen Aufschrei mehr, wenn dem großen Bruder ständig neue Überwachungsmethoden einfallen. Inzwischen tritt er allerdings nicht mehr unter seinem Namen auf. Und auch nicht mehr mit freiwilligen Kandidaten.
Um so mehr fragt man sich wo die Proteste bleiben.
Der neue große Bruder trägt den Familiennamen google, und lädt als „street view“ dazu ein bekannte Gesichter und kleine Skandälchen auf unangekündigt geschossenen Fotos öffentlicher Plätze zu finden.
Dieser Online-Service stellt im Rahmen der Orientierungshilfe „maps“ Fotoansichten von Straßen und Gebäuden zur Verfügung. Dabei zufällig mitfotografierte Personen oder Autokennzeichen sollen vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht werden. Dies scheint jedoch zumindest in Großbritannien nicht immer zu funktionieren.
Dort erschienen Bilder von Betrunkenen, die sich vor ihrer Kneipe übergeben mussten, Männer wurden beim Besuch von Sexshops ertappt, andere beim Urinieren in fremden Vorgärten. Eine Mutter erkannte sogar ihre Kinder nackt im eigenen Vorgarten spielend.
Google versichert, dass auf Wunsch Fotos sofort entfernt werden.
Damit werden die Datenschützer zufrieden gestellt. Die Privatsphäre ist also ausreichend geschützt, wenn von Programmen erkannte Gesichter verpixelt werden oder auf persönlichen Wunsch Bilder wieder von der Pinnwand entfernt werden.
Auch in Deutschland sind die goolge street view Autos wieder fleißig bei der Arbeit. Von allen Straßen und Gebäuden, die die google Betreiber für interessant befinden werden Fotos gemacht. Und gespeichert. Inklusive aller Gesichter und Autokennzeichen.
Gelöscht werden peinliche Aufnahmen nur auf ausdrücklichen Wunsch. Finden muss man diese aber selbst. Wer also sicher gehen will, dass er nicht bei Google Street view zu sehen ist muss auf eigene Faust alle neu eingestellten Bilder überprüfen, und hoffen, dass niemand vor ihm auf die Aufnahmen stößt und das Bild kopiert und auf anderem Wege verbreitet.
Rechtlich ist google damit auf der sicheren Seite. Es werden nicht gezielt Personen fotografiert und es werden nur öffentliche Plätze, bzw. von diesen aus einsehbare Orte abgelichtet. Die Privatsphäre die Menschen sich in den eigenen vier Wänden schaffen bleibt gewahrt. Ebenso die in Gärten und auf Terrassen, die durch Büsche, Zäune oder ähnliches geschützt sind.
Es werden nur Personen erwischt, die sich freiwillig den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt haben, indem sie ihre Wohnung verließen.
Prominente, die sich auf google Bildern finden lachen darüber nur. Sie sind seit langem gewohnt, dass jeder mit einer Kamera das Recht hat sie zu fotografieren und die Bilder auf der ganzen Welt zu verbreiten.
Andere finden vielleicht genau aus diesem Grund auch toll, wenn sie sich plötzlich im Internet finden. Auf Fotos, die den Promifotos, die von Paparazzi geschossen wurden ähneln. Vielleicht fühlen sie sich selbst ein bischen berühmter, wenn ihre Privatsphäre ebenso wenig wert ist, wie die ihrer Idole.
Privatsphäre ist kein Grundrecht mehr, sondern ein Makel.
Warum sie also schützen? Sie muss bekämpft werden wo es nur geht. In communitys werden die neuesten Urlaubsbilder aller Welt präsentiert. Neben der Postaddresse wird aufgelistet, wann man zu Hause ist, und wann nicht. Fortgeschrittene stellen eine Webcam in ihr Wohn- oder sogar Schlafzimmer um die Privatheit in jedem Moment ihres Lebens aussperren zu können.
Aber das ist natürlich nur eine Öffentlichkeit zweiten Grades. Man kann sie selbst kontrollieren. Die Webcam lässt sich ausschalten. Da ist der google Paparazzi Service natürlich ein Gewinn. Jeder hat jederzeit die Möglichkeit von unbekannten fotografiert und veröffentlicht zu werden. Eine Ehre, die sonst nur Schauspielern und Musikern zuteil wird.
Orwells Big Brother ist längst in allen Teilen unserer Gesellschaft angekommen, und wir haben ihn freudiger begrüßt als Huxley es sich je hätte träumen können.
Knut Sagte:
on April 1, 2009 at 7:44
Google ist zwar teilweise beunruhigend, aber Sorgen mache ich mir wegen Streetview eher weniger. Die Personenfotos sind zu zufällig und schwer zu entdecken, dass hier schon ein großer Aufwand nötig wäre um mit den Bildern böse Dinge anzustellen. Viel mehr Big-Brother-Sorgen machen mir unsere „Gesetzeshüter“, der „Freund und Helfer“, unsere StaSi. Bei denen reicht es schon ein paar soziologische Fachbegriffe in soziologischen Fachtexten zu benutzen um ein Jahr lang das volle Überwachungsprogramm zu bekommen und dann ohne weitere Gründe festgenommen zu werden. Mit gezogenen Waffen, im eigenen Haus, vor den Augen der eigenen Kinder.
Knut Sagte:
on April 1, 2009 at 7:45
Ach ja, Link vergessen: annalist
claudiathur Sagte:
on April 8, 2009 at 2:46
Deine Reaktion ist genau das, was mir Sorgen macht:
Es ist technisch sowieso nicht machbar, dass darüber spioniert wird, den Aufwand wird keiner betreiben, deshalb brauchen wir uns darüber keine Gedanken zu machen.
Aber frag doch mal nicht danach ob damit böse Sachen gemacht werden oder nicht, sondern fange eine Stufe früher an: Warum dürfen diese Fotos überhaupt gespeichert werden.
Ich muss jetzt nicht mit dem Schiefe Ebene Argument kommen um das für gefährlich zu halten.
Aber die von dir als harmlos abgetanen Paparazzi und die Gesetzeshüter entwickeln sich auf der selben Schiene. Klar. Böse Dinge geschehen eher bei StaSi-West und Co. Aber warum kümmert das wohl auch schon keinen mehr?