Stirbt die Gegenwart?

H.G.Wells erfand das Volk der Eloi, die weder Vergangenheit noch Zukunft kennen. Aus Seiner wie auch aus unserer Sicht ein primitives, rückständiges Volk, egal wie weit in der Zukunft diese auch existieren mögen. Eine Kultur die nur noch von den Morlocks, den Menschenfressern unterboten werden kann.

Für uns ist es eine Form der Unsterblichkeit, die eigenen Gedanken und Ideen aufzuzeichnen und durch die Zeit zu retten. Der Gedanke, dass unsere Werke in der Zukunft wirken, unser Name über die Generationen bekannt bleibt tröstet über manches körperliche Unglück hinweg. Manche zeugen Kinder, um in ihrem Leben ein Stück von sich selbst für die Zukunft zu bewahren, andere schreiben Bücher, bauen Häuser oder widmen ihr Leben wissenschaftlichen Erkenntnissen.

All dies ist dem Wunsch gewidmet unser Selbst, das was wir sind über unser physisches Dasein hinaus zu erhalten.

Für viele ist das Wissen um Vergangenheit und Zukunft das, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Daher war die Sorglosigkeit mit der die Eloi ihrem Schicksal begegneten auch so schockierend für den Zeitreisenden.

Eine Sorglosigkeit, die allerdings in der neuesten Verfilmung nicht mehr thematisiert wurde. Guy Pearce begegnet einem Volk, das die Steintafeln der alten Völker sammelt und deren Sprache studiert, um von ihnen zu lernen.

Woher wohl dieser Wandel?

Die Sehnsucht nach dem perfekten Moment, dem Genussvollen Augenblick ist momentan so stark wie kaum jemals zuvor. Geboren wurde das „Carpe diem“ als direkte Reaktion auf die immer stärker werdende Faszination Vergangenheit. Tote Sprachen wurden aus der Versenkung gezogen, versunkene Städte ausgegraben, die Geschichte wurde zur historischen Wissenschaft.

Beides wirkt bis heute nach. Doch es scheint sich ein Gewinner durchzusetzen.

Alte Häuser dürfen zwar noch bewohnt, aber nicht an den aktuellen Standard angepasst werden. Historische Dokumente aus dem zerstörten Archiv in Köln werden für teures Geld restauriert, während gleichzeitig Schulen und Universitäten um jeden Cent kämpfen müssen.

Auch die heutige Erlebniskultur ist von der Vorherrschaft der Vergangenheit geprägt. Aus Memento mori wurde: Memento heri. Erinnere dich an gestern. Der Fotoapparat ist ständiger Begleiter, eine Party, die man nicht später digital beweisen kann, hat nie stattgefunden. Aktuelle Ereignisse werden noch während sie laufen mit vergangenem verglichen. Zukünftiges wird mit der Vorgabe, „So wie damals muss es nochmal werden“ geplant.

Unser Wunsch nach Unsterblichkeit hat sich gegen uns gewandt. Die Geister unserer Vorfahren bestehen darauf am Leben gehalten zu werden, und wir tun ihnen den Gefallen gerne, denn nur so erhalten wir eine Kultur, die uns selbst Unsterblichkeit gewähren kann. Gleichzeitig sehen wir aber, wie wenige Personen die Zeiten überdauern.

Wir betrachten unser Leben aus Sicht der Zukunft. Was wird übrig bleiben? Wie wird man sich an mich erinnern?

Wir schreiben unsere Biographien inzwischen selbst, weil wir uns nicht auf die Nachwelt verlassen wollen. Wir schreiben sie auch immer früher, weil jeder Tag unseres Lebens erst dadurch Bedeutung erhält, das er für die Nachwelt festgehalten wurde.

Bisher wurde die Geschichte von den Siegern geschrieben. Wir schreiben sie lieber selbst. Und vergessen dabei vollkommen Geschichte zu machen.

Die primitiven Völker sind es vielleicht, die Vergangenheit und Zukunft nicht kennen, doch wir kennen die Gegenwart nicht mehr. Und produzieren damit eine Vergangenheit, die nichts mehr sein wird.

Die Zukunft auf die wir so bauen, wird von uns nichts mehr vorfinden. Wie auch, wenn unsere Zeit schon für uns selbst nicht mehr existiert?

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